Freitag 4.1.

Kaum hatte ich heute morgen meine Augen halb geöffnet, mich noch im Dämmerzustand zwischen Schlaf und Wachheit entlangtastend, stand mir ein Lächeln im Gesicht. Obwohl der Abschied aus Deinen, mich im Schlaf gehaltenen Armen unwiderruflich bevorstand? Weiß Göttin, kein Anlaß für Heiterkeit! Mein Lächeln war Ausdruck von Seligkeit. Denn hattest Du auch Deine Arme, in denen ich nächtens träumen durfte, inzwischen von mir gelöst, so sorgten jetzt Deine Küsse für ein sanftes Hineingleiten in den Tag. Du wunderbare Erweckerin!

Ach ja, die kleinen Götter mit den Pfeilen: Amor bespielsweise. Der kleine Kerl hat mit uns wahrlich einiges zu tun. Wie er mir neulich anvertraute, wurde die Pfeil-Produktion um einen Neubau erweitert und das Personal aufgestockt - man kommt sonst mit der Herstellung nicht mehr nach. Außerdem schiebt er nun Sonderschichten: Die Pfeile für uns werden nämlich u.a. von ihm in Handarbeit hergestellt, sind also Sonderanfertigungen, die nur auf ausgewählte Liebende losgelassen werden. Ihr Geheimnis besteht in deren Treffsicherheit und langer Lebensdauer. Nach Amors Aussage braucht es für deren Herstellung hochqualifizierte Fachleute; das gemeine Fußvolk muß sich mit Massenware begnügen. Aha! Daher die hohen Scheidungsraten allerorten!

Du warst nur beschränkt einsatzfähig in der Silvesternacht? Wie hättest Du mich erst um den Verstand gebracht, wärst Du im Vollbesitz Deiner Gesundheit gewesen! Einmal mehr hast Du mich in dieser Nacht etwas Neues gelehrt: wieviele betörende Handreichungen die Krankenpflege haben kann.
Pflegte ich Aphrodite? Das Weibchen, deren eingleisige Schönheit lediglich ebensolchen Genuß verspricht - oberflächlich, eindimensional, männertauglich. Nein, ich durfte Hera pflegen - das Weib, deren Schönheit sich nicht in diesen oder jenen sogenannten idealen Zentimetern hier und dort erschöpft, sondern eine Komposition ist aus fraulicher und menschlicher Schönheit, und sie macht Dich unglaublich begehrenswert.

Das sanfte Entlanggleiten meiner Hände auf Deinen nackten Schultern hin zu Deinem Hals - Deine Haut streichelte meine Handflächen sogleich zurück. Sie hielten mit dem Atmen inne, und hätten sie Münder, wären sie ihnen in stillem, staunendem Genießen offengestanden.
Was ist das für eine Haut, die sich in jener Nacht zu meiner gesellte? Noch kenne ich nicht alle Stellen an Dir. Aber die, die Du mir zum Verwöhnen gewährtest,  entzündeten in meinen Händen und Lippen lodernde Brände und heimelig knisterndes Kaminflackern im Wechselspiel. Aus allen Deinen Winkeln, die ich entdecken durfte, strömte mir Verlangen entgegen und sobald ich sie kostete, sprang es als Begehren auf mich über. Welch ein aufregender Weg führt zu Deinem Busen, einem noch aufregenderen Ziel! Seine Empfindsamkeit ist mir erst recht Anlaß für bedachtsame und sorgsame Behandlung....

Um aller Göttinnen willen! Was geht vor in mir! Mitten in der gedanklichen Liebkosung Deiner Brüste beginne ich zu weinen! Es sind leise Tränen meiner Sehnsucht nach Dir und mit dem Eingeständnis meiner Sehnsucht schreiende Tränen der Hilflosigkeit ob des Bewußtwerdens meiner Nacktheit und Wehrlosigkeit. Die Nackheit, die ich meine, ist keine körperliche. Sie ist eine der seelischen Auslieferung, des Abbröckelns aller sicher geglaubten Schutzschilde. Ich stehe - im übertragenen Sinne - vor Dir als entkleidetes Mädchen, das seine Scham mit den Händen ängstlich verdeckt in dem Wissen, daß auch diese letzten Mauersteine der Selbstbestimmtheit in den nächsten Sekunden fallen werden. Was danach kommen wird, steht nicht mehr in seiner Macht. Wie stehe ich Dir  gegenüber, meine Schöne, vollkommen entblößt, meine Scham Deinem Gutdünken anheimgestellt. Je mehr ich Dich begehre und liebe, je mehr ich mein Begehren bejahe und Du es mich befriedigen läßt, desto nackter werde ich. Ich stehe vor Dir als kleines Mädchen, der letzten Schutzschilde beraubt. Wenn ich liebe, dann voll und ganz; dann lagere ich mein Gehirn in ein Schließfach aus und werfe den Schlüssel weg. Du hast mich gefangen, Liebes, so schnell gefesselt, daß ich keine Zeit mehr hatte, mich gegen das Ausgezogenwerden zu wehren. Falls ich Gegenwehr überhaupt in Betracht gezogen habe?
Worum ich Dich je bitten werde, weiß ich nicht. Meine Bitte jetzt ist eine, bei deren Aussprechen ich Dir Unrecht tun werde, denn Du hast in nichts, nicht im leisesten Hauch gegen sie gehandelt. Ich spreche sie dennoch aus, denn Du bist mir in vielen Dingen weit voraus: bitte spiel nicht mit mir.

Sollte ich je in Rosenwasser gebadet haben - ich habe es vergessen, denn jetzt bade ich in Dir. Und mit Dir bade ich in Bitten und Fordern, in Verlangen und Befriedigung, in Sehnsucht und Erfüllung.
Bald wirst Du wach werden - in meinen Armen, meine Brüste an Deinem Rücken spürend...
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Bewertung 0.00 (0 Stimmen)
Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok