Alice muss abnehmen - und leidet

Alice hat ordentlich zugenommen und will ein paar Kilo verlieren. Ihre Cousine Luise unterstützt sie fürsorglich und kocht nun für Alice immer extra kalorienreduziert. Alice ist bereits nach drei Tagen Diät mit den Nerven ziemlich runter:

   Das Fleisch auf ihrem Teller hellte ihre Laune ein wenig auf und erst recht die Pfanne mit den knusprigen Bratkartoffeln. Aber nur kurz.
   »Und ich?«, fragte Alice, Luise ungläubig nachschauend, wie sie die verführerische Beilage wieder auf den Herd stellte.
   »Die sind viel zu fett für dich«, erklärte Luise und wünschte einen guten Appetit.
   »Was? Das ist ja ein Fall für die UNO, Menschenrechte und so.«
   Im Gegensatz zu Karola, die mit schlechtem Gewissen schnell und möglichst unauffällig Kartoffelscheiben in den Mund beförderte, blieb Luise kühl: »Willst du abnehmen oder nicht?«
   »Ja, schon, klar.« Alice schob sich ein großes Stück Fleisch zwischen die Zähne. »Aber eine Crashdiät muss es wirklich nicht sein. Das bringt auf Dauer auch nichts.«
   »Zwölfhundert Kalorien am Tag sind keine Crashdiät«, konterte Luise. »Ein Drittel der Menschheit muss mit weniger auskommen.«
   Alice nahm eine Gabel aus ihrer bunten Salatschüssel. Es schmeckte, aber: »Wieso kriege ich einen extra Salat?« »Deiner ist ohne Öl«, erklärte Luise lapidar.
   Alice beschritt die Siegerstraße: »Aber die meisten Vitamine kann der Körper nur mit Fett nutzen. Das weißt du schon?«
   »Das hast du im Fleisch und hattest du im bunten Hüttenkäse heute Mittag.«
   Frustriert stapelte Alice Salatblätter, Tomate und Radieschen auf ihre Gabel und schaute ihre Cousine an: »Das macht dir richtig Spaß, oder?«
   »Ich helfe dir nur, dass du dein Ziel erreichst und abnimmst. Und dazu braucht es nun mal Disziplin, die du offenbar nicht hast. Sonst hättest du die letzten Wochen nicht so viel gefressen: immer zwei Portionen.«
   Die ungewöhnlich direkte Sprache Luises ließ Alice und Karola zeitgleich den Mund offen stehen. Luise nutzte das Überraschungsmoment:
   »Dankbarkeit erwarte ich nicht. Aber ein bisschen Anerkennung und Respekt, dass ich jetzt immer zweifach koche und zwar so, dass es auch dir schmeckt.«
   »Niemand zwingt dich dazu«, ätzte Alice. Sie schnappte sich vom Teller ihrer Freundin eine Kartoffelscheibe kaute sie extra lang mit triumphierender Miene in Richtung Luise. Die wandte sich ungerührt Karola zu:
   »Magst du eigentlich Käsespätzle? Die könnte ich zum Beispiel morgen machen.«
   Karola unterdrückte ein begeistertes »Ja« und nickte nur verhalten mit einem Seitenblick auf ihre finster dreinschauende Liebste, die bei dem üppigen Mahl zum Zuschauen verdammt sein würde. Noch nie hatte Karola jemand mit gekräuselten Lippen kauen sehen.

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