Luise gärtnert mit Begeisterung

Luise hat Karola gefragt, ob sie ein bisschen was auf dem Balkon pflanzen darf und sie darf. Aber Luises Gärtnerfreude artet aus; es wird allmählich eng auf dem Balkon. Eines abends hat Luise eine Balkon-Überraschung für Alice und Karola und kleidet sie in ein nervendes Quiz.

   »Gleich, gleich. Letzte Frage: Wo kauft ihr Tomaten lieber, im Supermarkt oder im Bio-Laden?«
   Diesmal antwortete Karola: »Im Bio-Laden natürlich.«
   Luise machte die Balkontür auf und deute mit ausgestrecktem Arm auf die Tomateneimer: »Müssen wir bald nicht mehr!«
   Alice brauchte keine Sekunde, um abzuschätzen, dass zwischen den Stuhlbeinen und Tomaten vielleicht noch zwanzig Zentimeter Meter Platz waren, wenn überhaupt: »Das geht nicht, das geht überhaupt nicht! Da kann man sich ja nicht mehr hinsetzen.« Sie stellte ihr Bierglas unsanft auf den Tisch.
   Luise schob den Stuhl bis zum Anschlag zurück, quetschte sich an der Tischkante entlang - und setzte sich. »Zugegeben, man muss dünn sein. Aber du sitzt doch sowieso immer auf der anderen Seite.«
   Bevor Alice die Anspielung auf ihre Üppigkeit mit bösen Worten quittieren konnte, schritt Karola ein: »Das ist trotzdem zu eng hier. Ich kriege da echt Platzangst. Und was ich obendrein richtig scheiße finde, ist, dass du wieder was entschieden hast, ohne es mit uns zu besprechen.«
   »Ich habe dich doch gefragt, ob ich auf dem Balkon etwas anpflanzen darf und du warst einverstanden«, lamentierte Luise und stand umständlich auf.
   »Ja, etwas. Aber von einer mittleren Landwirtschaft war nicht die Rede«, monierte Alice und setzte sich auf die geräumigere Seite des Tisches. »Wie auch immer: Stell die Eimer von mir aus in dein Zimmer oder in den Hof. Hier bleiben sie auf keinen Fall.«
   »Aber in meinem Zimmer gehen sie ein und im Hof stiehlt sie bestimmt jemand«, jammerte Luise mit feuchten Augen und streichelte ein paar Tomatenblättchen. »Sie vertreiben übrigens die Stechmücken. Das ist doch auch gut.«
   Fast war Karola am Einlenken, aber ein kurzer Blickwechsel mit ihrer Freundin ließ sie konsequent bleiben: »Tut mir leid, aber ich muss Alice zustimmen. Und du meintest doch, wir sollten dir sagen, wenn du in alte Muster … also eigenmächtig was bestimmst, wir gar nicht gefragt werden.«
   Luise schwankte zwischen Wut und Enttäuschung: »Ja, ich weiß ja. Aber das Gärtnern ist doch fast die einzige Freude, die mir noch bleibt. Außerdem haben wir alle was davon.«
   Alice schien eine Lösung zu haben: »Dann stell wenigstens zwei an die Hauswand und den anderen ...«
   »Der Platz ist schon reserviert«, gestand Luise kleinlaut.
   Aus Alices Augen zuckten Blitze: »Für was denn? Zierliche Bananenstauden oder was?«
   »Paprika - rote und gelbe.«
   Als Alice eine Haarsträhne zwischen Daumen und Zeigefinger zwirbelte, schlug Karola vor: »Lasst uns drinnen weiter reden. Unseren Diskurs muss ja nicht der ganze Hof hören.«
   Hinter geschlossener Balkontür polterte Alice in der Küche los: »Mir reicht es jetzt wirklich, Luise. Du hast offenbar überhaupt keine Ahnung, was Zusammenleben bedeutet. Da gibt es Regeln, Übereinkünfte; man bespricht Dinge, die alle angehen, miteinander. Und zwar, bevor man sie tut.«
   Luise empfing die Ansage mit schuldbewusst gesenktem Blick. Alice wurde lauter:
   »Du führst dich auf, als wären wir hier Untermieterinnen und du kannst schalten und walten, wie du willst! - Und komm mir jetzt bloß nicht wieder mit: Ich habe es nur gut gemeint!«

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