Moussaka, eine Küche, ein Geständnis

Sonja hat Marie zu sich zum Abendessen eingeladen; das erste private Rendezvous der beiden. Marie ist hypernervös: Sonja weiß nichts von ihrer Verliebtheit und sie selbst weiß nicht, ob und wie sie Sonja ihre Gefühle gestehen soll.

   Marie hatte sich diesen Abend unzählige Male in unter­schiedlichen Varianten ausgemalt: Einmal sah sie sich in selbst verleugnender Zurückhaltung, dann sich behutsam herantastend und in einer weiteren Sze­nerie als Verführerin die Initiative übernehmend. Aber ebenso wie die im Vorhinein sorg­sam zurechtgelegten Worte, die man bei einem bevorstehenden, wichtigen Gespräch sagen wollte, waren auch Maries Strategien für diesen Abend null und nichtig mit dem Eintreten in die reale Situation.
   In der Küche war es still bis auf das klappernde Geräusch von Besteck beim Zusammen­treffen mit Porzellan. Nur wer fähig war, nicht allein mit den Ohren zu hören, dem hätte das Gedankengewirr der beiden Frauen in den Ohren gegellt. Denn auch in Sonja gaben sich die unter­schied­lichsten Gedanken die Klinke in die Hand. Aber sie war keine Freundin unausgesprochener Andeutungen mit ihren Könnte-Seins und Vielleichts und ihren zwangsläufigen Missverständnissen; sie war für klare Verhältnisse.
   Sie schaute auf Maries imposanten Rosenstrauß und durchschnitt die Stille mit einer Art Hilferuf: »Marie«, ihre Stimme klang ernst – nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: »Ich glaube, mir ist bei unse­rem ersten Abend etwas passiert, von dem ich noch nicht weiß, wo ich es hinstecken soll.«
   Marie hatte gerade das letzte Stück Moussaka in ihrem Mund plaziert und schau­te Sonja, in Zeitlupe kauend, erwartungsvoll an.
   »Ich empfinde auf eine Art für Sie – dich...« Sonja lehnte sich zurück, während sie so langsam weitersprach, als prüfte sie jedes Wort auf seine Wahrhaftigkeit, bevor es ihren Mund verließ: »Bei un­serem ersten Abend in meinem Hotelzimmer hat es ganz schön geknistert – und ich habe das als sehr schön und aufregend empfunden.«
   Das Herz, das Sonja gegenübersaß, vollführte einen Salto mortale; Marie lauschte gespannt.
   »Aber es verwirrt mich auch. Es ist mir nicht fremd. Nur weiß ich ein­fach nicht, wie ich... und ob ich überhaupt mit einer Frau...« Sonja lehnte sich zurück, ver­schränkte die Arme vor ihrer Brust, schnaufte durch und setzte unwirsch nach: »Was rede ich denn hier für einen Blödsinn!« Wieder an den Tisch gebeugt und mit einem kerzengeraden Blick in Maries erwartungsvolle Augen: »Wo es doch ganz einfach ist: Ich habe mich in dich verliebt.«

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